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Biotope retten die bedrohte Vogelwelt



Bei seinem Besuch des Biotopverbunds der Internationalen Gabriele-Stiftung war Prof. Dr. Peter Berthold, führender deutscher Vogelkundler, überrascht von der außerordentlichen Vielfalt an seltenen Vögeln, die er innerhalb weniger Stunden zu Gesicht und Gehör bekam. Bei seinem Rundgang durch Wald und Wiesen sprach er über die Situation von Vögeln in Europa und die dringende Notwendigkeit von Hilfsmaßnahmen, wie sie die Internationale Gabriele-Stiftung seit Jahren praktiziert.

Wie ist die Situation der Vögel hierzulande?

Prof. Dr. Berthold: In unserem Lande sieht es so aus wie auch in anderen Gebieten Mitteleuropas: Ungefähr die Hälfte der Arten ist im Fortbestand bedroht und viele Arten sind inzwischen so dezimiert, dass wir uns große Sorgen machen müssen, dass sie überhaupt noch überleben. Das gilt z.B. für ganz gewöhnliche Arten wie etwa das Rebhuhn, für Feldlerchen, Haussperlinge, Feldsperlinge - also ehemals sogar häufige Arten. Es ist ein regelrechter Völkermord passiert.


Was sind denn die Hauptursachen für diesen Rückgang der Populationen?



Prof. Dr. Berthold: Zum einen die Intensivierung der Landwirtschaft. Bis ungefähr 1950 hatten wir Felder, die relativ schütter mit Getreide, Kartoffeln usw. bewachsen waren, und es war noch genügend Platz für Wildkräuter, damals Unkräuter genannt, sodass eine Vielzahl von Lerchen, Ammern und etliche weitere ihr Auskommen hatten - einmal durch die Sämereien, dann aber natürlich auch durch die vielen Insekten, die auf diesen Unkräutern lebten. Dann kam die chemische Keule: Mit Herbiziden wurden alle Unkräuter weggespritzt. Und „kein Unkraut“ bedeutet: keine Vögel mehr im Feld. Die Vögel verschwinden also aus Mangel an Nahrung? Wenn man mal ausrechnet, was etwa 1950 in unserer Feldflur in Deutschland allein an Wildkräutersamen produziert worden ist, dann sind das im Minimum 1 Million Tonnen Samen, die heute fehlen. Und deswegen fehlen eben 6 Millionen Feldlerchen und 10 Millionen Grauammern und die Rebhühner - weil sie einfach kein Futter mehr haben.

Was sind denn geeignete Maßnahmen, um den Vögeln zu helfen, so dass sich die Populationen wieder erholen?


Prof. Dr. Berthold: Es gibt kein Patentrezept mehr. Durch die Klimaerwärmung wissen wir im Augenblick gar nicht, wie es einer Amsel oder einer Kohlmeise in fünf oder 10 Jahren gehen wird. Das einzige, was wir machen könnten und was wir auch tun sollten, ist: soviel wie möglich eigene Habitate einrichten. Also: Gebüschzonen, Feuchtgebiete usw. Was Sie hier haben mit diesem Biotopverbund, das ist das absolute Optimum: ein relativ großes Gelände, reich strukturiert mit vielen Hecken und naturnahen Wiesen. Wenn ich hier all die Golddisteln sehe, die hier noch vom letzten Jahr stehen - so soll es sein. Da sind zum Teil noch Samen drin, die jetzt von Vögeln geholt werden können.


Und das hilft den Vogelpopulationen, wieder auf die Beine zu kommen?

Prof. Dr. Berthold: Ich bin jetzt gerade mal eine knappe Stunde bei Ihnen hier auf dem Gelände: Wir haben da drüben den Feldschschwirl singen hören, wir hatten dort die Dorngrasmücke im Singflug, wir hatten die Gartengrasmücke, die Mönchsgrasmücke sowieso; die Klappergrasmücke ist auch hier. Damit haben Sie vier Grasmückenarten. Um das zu finden in irgendeinem Gebiet hier, da müssen Sie normalerweise erst mal zwei Tage herumreisen und zehn Ornithologen fragen. Dann war da vorhin die Turteltaube, die ganz, ganz selten geworden ist. Und wenn ich vielleicht noch eine Stunde hier bin, haben wir noch fünf Arten, die in dieses Register reingehören. Und damit sieht man schon: Wir können, Gott sei Dank, durch die Einrichtung von Habitaten bei uns in Deutschland noch eine sehr starke Verbesserung der Bio-Diversität erreichen. Dieser Biotopverbund, den Sie hier haben, kombiniert mit einer Ganzjahresfütterung, ist das absolute Optimum - ein Vogelparadies!


Sie sprachen die Ganzjahresfütterung an. Es ist ja immer noch die Ansicht verbreitet, man solle Vögel nur im Winter füttern, es käme sonst zu “Wohlstandsverwahrlosung”...

 

Prof. Dr. Berthold: Die Vorteile von ganzjähriger Fütterung sind: Solche Vögel brüten im Frühjahr zeitiger, legen mehr Eier, legen qualitativ bessere Eier, aus diesen Eiern schlüpfen kräftigere Junge und mehr Junge. Das heißt, der Fortpflanzungserfolg wird erhöht, die Vögel haben eine bessere Konstitution und leben auch länger. Diese “Wohlstandsverwahrlosung” - die wäre bei uns Menschen der Fall: Wir würden dann zum Schnellimbiss gehen und gar nicht mehr rausgehen. Und würden uns dick essen. Aber das machen die Vögel nicht. Sie kommen oft nur ein einziges Mal am Tag für eine Mahlzeit, um sich mal richtig aufzupeppen für die restlichen Anforderungen des Tages.


Wie groß sind denn eigentlich Reviere bei den Vögeln?

 

Prof. Dr. Berthold: Sie sind variabel und umso kleiner, je mehr Fütterungen angelegt sind. Die Reviere schrumpfen, z.B. wenn Fütterungen im Wald vorhanden sind - bis hin zur Revierauflösung. Die Streitigkeiten untereinander um das Futter hören auf; es kommt ein so genannter Verfriedlichungs-Effekt hinzu, der ganz hoch einzuschätzen ist. Das ist hier in Ihrem Biotopverbund ja ganz wunderbar gelöst: Sehr viele Futterstellen, viele Nistkästen - das ist das Optimum!

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